KOMMT EIN MANN ZUM DOKTOR…
INTERVIEW MIT MURRAY GOLD

Interview für Cinema Musica 2/2015 von Stephan Eicke. Foto von Phil Watkins.

Doctor Who gehört seit Jahrzehnten zu den beliebtesten britischen Fernsehserien überhaupt. Doch erst nach ihrem Neustart im Jahre 2005 erlangte die Serie auch einen internationalen Kultstatus, der mittlerweile Millionen Menschen überall auf dem Globus vor den Fernseh- bzw. Laptop-Bildschirmen versammelt. Durch diesen Ruhm ist auch die Musik ins Rampenlicht gerückt – oder anders herum, denn die Musik von Murray Gold hat einen wesentlich Anteil an der Popularität der Sendung. Wie gut diese Wechselwirkung funktioniert, beweisen die meist ausverkauften Konzerte, auf denen die Highlights der mittlerweile neun Staffeln gespielt werden. Für die jubelnden Fans, die in großer Anzahl in Verkleidung des Doctors in den Rängen auftauchen, ist es ein besonderes Erlebnis: Während das Orchester, verstärkt mit Elektronik, die Musik darbietet, moderiert von einem ehemaligen Darsteller des Sci-Fi-Helden, werden Szenen der BBC-Produktion auf eine große Leinwand geworfen, werden Laser-Effekte in den Saal gestrahlt und Bösewichte wie die Daleks in die Zuschauerreihen geschickt. Der Kult um den Doctor reißt nicht ab. Grund genug, mit dem geschäftigen Komponisten Murray Gold zu sprechen.

Stephan Eicke: Mr. Gold, warum ist Doctor Who Ihrer Meinung nach so großartig?
Murray Gold: Ich immer gesagt, Doctor Who sei ein intergalaktischer, zeitreisender Atticus Finch, den Anwalt aus Harper Lees Wer die Nachtigall stört. Allerdings stellte sich durch die kürzlich erschienene Fortsetzung Gehe hin, stelle einen Wächter heraus, dass Finch ein Rassist war. Deswegen sage ich das nicht mehr. Als Russell T Davies die Serie 2005 zurückbrachte, war sie überraschend emotional, pointiert und sentimental. Niemand hatte das erwartet. Davies hatte all das, was er über die Menschheit und die Menschlichkeit sagen wollte, in seine Drehbücher geschrieben. Sein Schreibstil erinnerte mich immer an Walt Whitman – alles war sehr romantisch, überschwänglich, selbstbezogen. Es ging um ihn, um seine Sicht auf die Welt. Er hat die Serie als große Leinwand benutzt, um das zu sagen, was er schon immer einmal sagen wollte. Es ging immer darum, warum er – Russell T Davies – die Menschen liebt. Genau das erklärt, weshalb ich die Serie liebe. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich das etwas verändert. Vielleicht lieben die Schöpfer die Menschen heute nicht mehr so sehr, wie es zu Beginn der Fall war. Die Show hat sich gewandelt. Man kann nicht jedes Jahr das gleiche erzählen, auch wenn die Botschaft schön ist. Ich glaube, ich begegne nicht oft jemandem, der die Menschheit liebt, daher war die Serie ein angenehmer Begleiter für mich. Ich hatte das nicht erwartet.

Haben Sie deshalb zugesagt,, als Komponist an der Serie zu arbeiten?
Auch. Davies fragte mich, ob ich die Musik für die Neuauflage schreiben wolle. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht einmal, wie viele Episoden die erste Staffel haben würde. Ich begann blind die Musik für die erste Folge zu schreiben und schloss meine Arbeit an der Staffel sechs Monate später ab, allerdings nicht ohne vorher noch einmal nachzufragen, ob man sich sicher sei, dass dies alles gewesen sei und ob es überhaupt noch eine Episode folgen würde. Die Staffel schien für mich endlos zu sein und die Menge der Musik, die benötigt wurde, war es ebenso. Ich habe mir während des Arbeitsprozess nicht einmal erlaubt, auch nur einen Augenblick innezuhalten. Ich war wie „Rain Man“ – sehr konzentriert, sehr organisiert, sehr präzise darin, mir meine Zeit einzuteilen.

Man sagte Ihnen nicht, wie viele Episoden die erste Staffel hat?
Wahrscheinlich haben sie es getan. Wenn ich sage, ich wusste es nicht, dann heißt das, dass ich mir schlicht nicht die Mühe gemacht habe, es herauszufinden. Ich will niemandem die Schuld an irgendetwas geben – außer vielleicht mir selber...

Kannten Sie die alte Serie?
Ja, deshalb hatte ich erwartet, dass die Musik komplett elektronisch, mit vielen Synthesizern und Loops gestaltet werden sollte.

Wie waren dementsprechend die Vorgaben für Ihre Musik?
Ich habe in der Musikbranche den Stand, dass ich nicht gesagt bekomme, was die Leute von mir wollen. Sie tendieren stets dazu, mich einfach machen zu lassen. Für Filmkomponisten ist es selten geworden, dass sie von Produzenten um Vorschläge gebeten werden. Dabei sollte es doch naheliegend sein, dass man genau dafür einen Komponisten engagiert. Ich hatte den Ruf, immer das Gegenteil von dem zu machen, was von mir erwartet wurde. Bei Doctor Who konnte ich das nicht tun, da es sich um eine bereits existierende Sendung handelte, die mit Vorsicht zu behandeln war. Also habe ich genau das getan, von dem ich dachte, dass man es von mir erwarten würde. Ich habe ein zehnminütiges Demo vorbereitet, für das ich ausschließlich Synthesizer verwendet und lediglich gegen Ende für eine Minute ein Streicher-Adagio eingesetzt habe. Die Produzenten liebten gerade dieses Adagio und wollten, dass ich es ausbaue. Ich hatte noch nicht realisiert, wie emotional die Sendung werden würde und deshalb auch nicht damit gerechnet, dass man ein Orchester einsetzen wollte, auch wenn wir tatsächlich bis zur dritten Staffel kein richtiges Orchester zur Verfügung hatten. Deshalb musste ich zu Beginn mit Samples arbeiten. Ich kaufte mir also die damals aktuell erschienene Vienna Symphonic Library, die ein Komponist allerdings nur in Verbindung mit dem Programm Logic verwenden konnte. Ich arbeitete aber mit Cubase. Ich hatte keine Ahnung, wie ich die Samples bedienen sollte und musste leider auch herausfinden, dass man den erzeugten Klängen keinen Hall hinzufügen konnte. Das war sehr ärgerlich, da die Instrumente ohne Hall furchtbar klangen. Leider hatte ich keine andere Wahl. Als ich mit Logic zu arbeiten begann, stand ich unter großem Zeitdruck und musste die Musik für die erste Episode der neuen Show fertig stellen, hatte allerdings keine Ahnung, wie man das Programm eigentlich bedient. So geschah es, dass die von mir abgelieferte Musik für die Folge in Mono war – und das ist offenbar niemandem aufgefallen. Nicht einmal mir! (lacht) Daraus, dass mir die Produzenten deutlich gemacht hatten, dass das Streicher-Adagio ihren Geschmack getroffen hatte, hat sich die Musik fortwährend weiter entwickelt.

Demnach gab es keine Temp-Tracks für Sie?
Nein, zunächst nicht. Allerdings gab es diesbezüglich immer Ausnahmen. Der Regisseur Joe Ahearne, der beispielsweise die sechste Episode der ersten Staffel – Dalek – inszeniert hat, war ein großer Fan von Bernard Herrmann und hat die Dalek-Episode mit mehreren Stücken aus Vertigo unterlegt. Er liebt außerdem die Opern von Philip Glass, hat also durchaus einen sehr eklektischen Musikgeschmack.

Herrmann und Glass sind in der Tat recht verschieden.
Ja, und ich mag Philip Glass' Opern nicht besonders. Aber Joe Ahearne war diesbezüglich sehr einflussreich, was den Klang der Doctor Who-Musik in den nächsten Jahren anging. Er wollte, dass die Musik mehr aufwühlt, sie sollte kräftiger sein.

War es eine besondere Herausforderung, für einige Episoden Temp-Tracks zu haben und für andere nicht, was einen einheitlichen Sound für die Serie angeht?
Nun, ich kann keine Musik machen, die immer unterschiedlich klingt. Ich denke, jede Musik, die ich schreibe, klingt am Ende nach mir. So sehr ich mich auch anstrenge, etwas Neues auszuprobieren, kommt immer das gleiche heraus. Das heißt entweder, dass ich in meinen Möglichkeiten sehr limitiert bin oder dass ich etwas mache, dessen ich mir gar nicht bewusst bin. Wahrscheinlich ist es die Ironie. Manchmal versuche ich ernste, gar traurige Musik zu schreiben, aber selbst da gebe ich meiner Komposition ein Augenzwinkern. Ich treibe immer ein wenig Unfug. Sehen Sie, ich bin sehr schlecht darin, mich selber zu analysieren und tue es deshalb auch nie. Nur in Interviews. Und dann merke ich, dass ich es gar nicht kann.

Ich hatte tatsächlich den Eindruck, dass die Doctor Who-Musik durch ihre Leichtigkeit besticht und sich selten ernst nimmt.
Ja, das stimmt wohl. Ich wäre eine komplett andere Person, wenn ich die Musik für die Serie schreiben und sie ernst nehmen würde. Gerade heutzutage ist es sehr schwer, über Stile zu sprechen. Was ist klassisch, was ist romantisch, was ist Filmmusik, woher nimmst du deine Inspiration? Doch wir können über einen Charakter sprechen. Zu meinem Charakter gehört, dass ich gerne Unfug treibe. Ich kann das nicht unterdrücken. Ich fand es immer seltsam, dass die meisten Menschen denken, es sei die ernste und düstere Musik ist, die schwer zu schreiben ist. Ich empfand das stets als das typische Denken von Heranwachsenden. Wenn du 17 Jahre alt bist, hältst du dich für sehr ernst und denkst, du seist voller Tiefe. Etwas leichtes zu schreiben verlangt nach einem besonderen Talent. Viele Menschen unterschätzen das. Ich würde sogar sagen, dass es wesentlich schwieriger ist, Musik für eine Komödie zu schreiben als für einen Science Fiction-Film. Doctor Who ist beides. Es ist lustig und es war auch immer lustig. Der Humor ist ein wichtiges Element. Heutzutage hat jede Episode einen Temp-Track, da die Produzenten sichergehen wollen, dass der Ton stimmt, den sie sich vorstellen. Manchmal rufe ich dann den Regisseur an und sage ihm, durch die Wahl der Stücke würde der Episode der ganze Humor genommen. Ich warne ihn dann vor, dass ich die Folge wesentlich leichter gestalten werde. Normalerweise finden sie das großartig und erklären mir, sie hätten lediglich nicht gewusst, wie sie den unbeschwerten Ton der Serie mit den Temp-Tracks treffen können.

Können Sie Ihre Einschätzung, gerne Unfug zu treiben, konkretisieren?
Ich denke, es geht um die Erkenntnis, dass der Sinn für Humor einen das Leben überstehen lässt, so ernst es auch ist. Das ist das Geheimnis, gut und lange zu leben.

Ein Großteil Ihrer Musik für Doctor Who ist zudem außerordentlich romantisch, ein Element, das vor allem durch die Begleiterin des Doctors in die Serie gebracht wird.
Ja, Sehnsucht spielt eine große Rolle. Es müssen viele Opfer gebracht werden. Es ist mittlerweile zum Markenzeichen der Serie geworden, dass sich immer jemand für ein höheres Ziel opfert. Es gibt dort verschiedene Formen der Romantik und es kommt immer darauf an, welche Charaktere mitspielen. Mit Peter Capaldi als Doctor spielt die Romantik eine eher kleinere Rolle als bei seinen Vorgängern, aber dann wird dieses Element aus seiner Begleiterin und ihrem Freund gezogen oder aus anderen Figuren, die in der Folge auftreten. Romantik und Humor sind in allem, was ich tue. Selbst, als ich vor einigen Jahren sozialrealistische Stoffe vertont habe, habe ich nach der Emotion gesucht, die die Romantik der Situation ausdrückt. Lass uns unsere Umwelt ignorieren und die Stimmung festhalten!

Suchen Sie speziell nach diesen Stoffen?
Nein, ich habe einfach sehr viel Glück gehabt bei den Produktionen, die mir angeboten wurden. Ich bekomme diese Aufträge einfach. Ich habe auch an Projekten gearbeitet, die nicht das Richtige für mich waren und plötzlich war das Komponieren der Musik etwas völlig anderes – ich fand es langweilig, wollte es nicht machen und konnte es nicht machen und hoffte einfach nur, dass es so schnell wie möglich enden würde. Ich möchte mich mit meiner Musik selber ausdrücken. Erst vor kurzem habe ich den Verantwortlichen einer Sendung gesagt, an der ich gearbeitet habe, sie bräuchten einen jungen, technisch versierten Komponisten, der genau das macht, was sie von ihm verlangen. Sie hatten nicht nur eine falsche Vorstellung von mir, sondern eine falsche Vorstellung von Menschen generell. Sie dachten, ich könne jemand anderes werden, nur weil sie mir das befehlen. Das funktioniert nicht, Herr Produzent! Musik ist immer der Ausdruck einer Person, einer Seele, auch wenn das vielleicht eine sehr altmodische Ansicht ist.

Es ist zumindest eine sehr romantische Sicht.
Ich wüsste aber nicht, wie ich es anders ausdrücken sollte. Natürlich kannst du als Komponist auch wie ein Handwerker sein, der kleine Modellflugzeuge nach einer Anleitung zusammenbaut. Aber das ist sehr langweilig. Ich möchte lieber etwas anderes machen.

Ist es nicht eher selten, dass man diese sehr persönliche Seite, die eigenen Emotionen, in der Filmmusik ausdrücken kann?
Das ist wahrscheinlich wahr. Man kann mit seinem persönlichen Stil natürlich experimentieren, etwas ausprobieren und daraus kann sich etwas Neues entwickeln. Ich sage nicht, dass man gefangen ist und bis an sein Lebensende nur eine Sache machen und seinen eigenen Charakter abbilden kann. Der Charakter ist wie eine Flöte. Man atmet durch sie hindurch und der Atem wird zu einem Klang, zu Musik. Du als Person bist diese Musik. Es gibt viele verschiedene Strategien, wie man sich vermarkten kann, wie man in der Industrie überlebt. Aber das hat nichts mit Musik zu tun. Das hat mit deiner Zielstrebigkeit, deiner Geduld und deinem Charme zu tun, damit, wie sehr du es wirklich willst. Nehmen Sie Thomas Newman als Beispiel: Er hat einen Stil, der sehr persönlich klingt, sehr intim. Er klingt aber auch wie ein Stil, den man für viele Melodramen verwenden kann und der diesen Produktionen eine intime Atmosphäre vermittelt. Da kann es passieren, dass zwei Soundtracks sehr ähnlich klingen, wie American Beauty und Erin Brokovich. Alles, was er tut ist, seinen guten Geschmack einzubringen und sicherzustellen, dass diese Filme den guten Geschmack nicht verletzen. Thomas Newman hat guten Geschmack mehr als alles andere. In allem, was er tut. Ich bin mir aber sicher, dass auch er sich ab und zu fragt, ob er wirklich persönlich so stark für ein Projekt empfindet, wie seine Musik es erlaubt oder ob es eine Illusion ist. Ich arbeite gerne an Projekten, die ich liebe. Ich möchte nichts vortäuschen, nicht arbeiten, nur um zu arbeiten. Ich möchte morgens aufwachen und mich auf die Arbeit des Tages freuen. Es gab – vor allem vor langer Zeit – Projekte, die mir angeboten wurden, die ich sofort abgelehnt habe, nachdem ich sie das erste Mal sah. Es waren nicht die richtigen Stoffe für mich. Dann sah mich eines Tages Rachel Weisz in einem Pub und sagte mir, dass sie gehört habe, ich hätte ihren Film abgelehnt. Ich antwortete, dass dies stimme, da mir der Film nicht zugesagt habe, woraufhin sie erwiderte, dass sie es großartig fände, wenn ich zusagte. Also sagte ich zu und habe an der Produktion gearbeitet.

War es eine glückliche Erfahrung für Sie?Nein, es hätte niemals eine glückliche Erfahrung sein können. Manche Menschen könnten etwas Positives daraus ziehen. Ich lerne gerade, nur an Projekten zu arbeiten, bei denen ich keine Magenschmerzen habe, wenn ich für sie zusage.

Doctor Who sagt Ihnen offenbar zu.
Ja, der Humor, die Romantik, die Kombination von Komödie und Tragödie und die Elemente einer Familien-Saga sprechen mich sehr an.

Sind das auch die Gründe, weshalb die Serie Ihrer Meinung nach so erfolgreich ist?
Ja, die Serie spielt in Vororten, in den Häusern von Familien und nicht im Weltraum. Das macht sie sehr greifbar. Zudem verfügt sie über die typische britische Untertreibung. Sie ist nicht gewalttätig. Nun, heutzutage ist sie etwas gewalttätiger als früher, aber nicht bösartig. Ich denke, die Menschen mögen die Sendung, weil es nichts gibt, das auch nur vergleichbar ist – abgesehen davon, dass die Serie einfach gut ist. Buffy hatte früher vielleicht ein ähnliches Konzept mit dem Humor und den ernsten Elementen. Nach dem großen Erfolg von Doctor Who gab es natürlich in den letzten Jahren Nachahmer, die ebenfalls Humor und Fantasy-Elemente vereinen, aber unsere Serie ist nunmehr seit zehn Jahren die unangefochtene Nummer Eins auf diesem Gebiet.

Mir ist zudem aufgefallen, dass Sie sehr gerne Vokalisen verwenden, einen Sopran, der die Melodie singt.
Ja, es ist so einfach, damit zu arbeiten. Für die Musik zur ersten Staffel kam Melanie Pappenheim in mein Studio, um zu singen. Ich hatte außer sechs Melodien nichts vorbereitet. Sie wurden zu den bedeutendsten Hauptthemen der gesamten ersten Staffel. Ich hatte zu der Zeit allerdings keine Begleitstimmen, nicht einmal Akkorde. Es war großartig, nur mit der Melodie zu arbeiten, weil man die Gesangsaufnahme davon anschließend neu harmonisch deuten und auf diese Weise verändern konnte. Für die Episode Doomsday kam mir dies besonders zugute, da ich noch nach einer passenden Begleitmusik für die Szene suchte, in der Rose [Tyler (Billie Piper), Begleiterin des Doctors in den ersten beiden Staffeln der neuen Serie] die Tardis betritt. Ich wollte nicht erneut Rose's Theme verwenden und habe stattdessen mit Melanies Gesang experimentiert, indem ich einen Bass unter ihre Aufnahme gelegt habe. Das war mein Ausgangspunkt. Darauf basierend habe ich die Nebenstimmen entworfen und aus der Gesangsaufnahme ein komplett neues Musikstück gemacht. Aus diesem Grund hat die Verwendung einer Vokalise auch rein praktische Gründe. Oft brauche ich für eine Episode etwas Besonderes, habe aber das Drehbuch nicht gelesen und suche nach Inspiration. Dann lasse ich eine Musikerin kommen und lasse sie eine Melodie singen, die ich geschrieben habe. Manchmal bitte ich auch einfach eine Sängerin, eine bestimmte Melodie in ihren Mac-Laptop zu singen und mir die Aufnahme zu schicken. Eine der Sängerinnen, die in Doctor Who zu hören ist, hat nicht einmal ein Mikrofon. Sie singt einfach in das interne Mikrofon ihres Laptops. Diese Aufnahme verwenden wir dann in der finalen Mischung. Die Aufnahme ist gut und ihre Stimme so pur, dass es wunderbar funktioniert. Die Cello-Stimmen aus Doomsday habe ich in meiner Küche mit einem miserablen Equipment aufgenommen. In dem Fall war es großartig, da ich ohnehin keinen typischen Cello-Sound haben wollte, sondern einen hölzernen Klang wie den eines Bariton-Saxofons. Manchmal braucht man keine kristallklare Aufnahme. Manchmal muss es schlecht klingen.

Mittlerweile arbeiten Sie in New York, haben aber in London angefangen. Lebten Sie bereits im Big Apple, als sie an Doctor Who zu arbeiten begannen?
Nein, ich habe in London angefangen. Die ersten beiden Staffeln habe ich hier in England vertont. Die erste Episode von Daleks, einem Zweiteiler, habe ich in London fertig gestellt und die zweite in New York. Ich habe die Musik für den ersten Teil an das Produktionsstudio geschickt, habe dann all meine Habseligkeiten an einen Kurier übergeben, bin gleich am nächsten Tag in den Flieger nach New York gestiegen, habe dort meine neue Wohnung in Manhattan bezogen und sofort mein Studio dort aufgebaut, bevor ich überhaupt ein Bett oder irgendein anderes Möbelstück hatte, um an dem zweiten Teil zu arbeiten.

War es immer ein Traum von Ihnen, in den USA zu leben?
Das Problem, das wir Menschen haben ist, dass wir nur ein Leben haben. Es gibt Menschen, die gerne mehrere Leben hätten, nur um ein ganzes Leben lang in jeder Nachbarschaft New Yorks wohnen zu können. Es ist bedauerlich, dass wir nicht lang genug leben, um die Erfahrung machen zu können, für längere Zeit in Paris zu leben, in Barcelona, in jeder dieser großartigen Städte. Ich hatte immer eine Schwäche für New York, für die Musikszene dort, für die Atmosphäre, für Velvet Underground und Lou Reed. Das hat mich immer inspiriert. Erst gestern habe ich einen alten Freund aus London getroffen, der mich gefragt hat, ob ich eine bestimmte Person in New York kenne. Ich erwiderte, dass ich keinen einzigen Menschen in New York kenne. Das konnte er gar nicht glauben, da ich schon so lange dort lebe. Ich habe viele Ex-Freundinnen dort und einen besten Freund namens Mark, aber abgesehen davon kenne ich niemanden. Er konnte es nicht begreifen, doch für mich ist das völlig normal. Ich bin dorthin gezogen, als ich 36 Jahre alt war. Wen sollte ich da kennen lernen? Ich war immer beschäftigt und habe in meiner Wohnung Musik geschrieben.

Sie haben bereits darüber gesprochen, dass sie für eine Staffel Doctor Who eine bestimmte Anzahl von Themen entwickeln und diese im Laufe der Episoden entwickeln lassen. Kommt es häufig vor, dass Themen auch in die nächste Staffel getragen werden?
Das passiert, ja. Manchmal lasse ich sieben Jahre vergehen, bis ich ein Thema wieder auftauchen lasse. Dann denke ich, dass die Zuschauer diese Melodie eine ganze Weile nicht gehört haben oder dass ich dieses Motiv verwendet habe, bevor einige Zuschauer überhaupt geboren wurden. Ich entwerfe gerne eine ganze Palette von neuen Themen für jeden neuen Doktor, lasse mir gleichzeitig aber die Möglichkeit offen, Melodien von anderen Doktoren zu übernehmen, denn letzten Endes ist er immer derselbe Charakter. Wir hatten ein kleines Problem, als sich Steven Moffat in das Thema I Am The Doctor verliebte. Ich hatte es für Matt Smith als Doctor Who geschrieben und es fühlte sich nicht richtig an, es auch für Peter Capaldi zu verwenden, auch wenn Steven das wünschte. Ich habe daraufhin eine Variation auf das Thema geschrieben, die ähnlich klang, um ihn zufrieden zu stellen. Ich möchte ihn glücklich machen. Es ist aber schön, dass er traurig war, weil er ein Thema von mir verloren hatte. Das ist besser, als wenn er traurig über die Musik eines anderen Komponisten gewesen wäre. (lacht)

Muss sich die Musik mit jedem neuen Doctor nicht ohnehin leicht verändern, um sich dem neuen Setting anzupassen?
Ja. Das passt mir sehr gut. Ich mag das. Wenn man für Serien schreibt, konzipiert man ein Leitmotiv für einen Charakter, das einen die ganze Staffel über begleitet und vollständig entwickelt ist, wenn man bei der zwölften oder 13. Episode einer Staffel angelangt ist. Wenn man die Musik für einen 90minütigen Film schreibt ist das nicht machbar, da man die Zeit nicht hat. Bei Serien ist das wesentlich einfacher. Es erfordert sehr viel Arbeit herauszufinden, was die Möglichkeiten eines Themas überhaupt sind. Für Theaterstücke oder Werbung ist die Zeit natürlich noch kürzer. Ich verdaue gerne langsam und mache mir lange intensive Gedanken über die Musik und ihr Potential. An dem derzeitigen Trend sieht man, dass die Zuschauer es sehr genießen, bei Serien den Charakteren jahrelang bei ihrer Entwicklung zusehen möchten, anstatt sich lediglich 90 Minuten mit ihnen zu beschäftigen. Es ist schön, dass ernste Dramen wieder beliebt geworden sind. Dass geht teilweise gar so weit, dass man sich fragen kann, weshalb überhaupt neue Figuren in einem Spielfilm geschaffen werden, wenn sie ohnehin nur für 90 Minuten zu sehen sein werden. Aus genau diesem Grund sehen wir derzeit die ganzen Remakes und Comicbuch-Verfilmungen und -Fortsetzungen, die sich auf Charaktere verlassen, die der Zuschauer bereits kennt. Eine Bekannte sagte neulich zu mir, ich wirke wie ein glücklicher Komponist, der das liebt, was er tut. Sie fragte mich, ob ich überhaupt wisse, wie selten das ist.

Sie genießen in der Tat viele Freiheiten, indem sie Ihre Musik an die Produzenten schicken und anschließend meist keinerlei Änderungen vornehmen müssen. Das ist selten geworden.
Das stimmt, ich habe in der Hinsicht viel Glück gehabt. Allerdings war das bei mir immer der Fall, wenn ich für das britische Fernsehen gearbeitet habe. Das mag daran liegen, dass Vanity Fair und Queer as Folk, die ersten Projekte, an denen ich gearbeitet habe, beide für einen BAFTA nominiert wurden. Die Kompositionen für die beiden Serien waren unerwartet, indem sie für diese Stoffe ungewöhnlich waren. Die Produzenten kamen nicht zu mir, um mir zu sagen, was ich zu tun habe, sondern um mich zu fragen, was ich ihnen musikalisch liefern könne. Das hat funktioniert. Ich habe kleinste Details wahrgenommen, um die Musik danach zu konzipieren. Für Queer as Folk habe ich beispielsweise einen Gitarren-Riff verwendet, der an Eddie Cochran erinnert, da ich die Atmosphäre der Serie ganz ähnlich zu dem sexuellen Erwachen in den USA der 50er-Jahre empfand. Ich wollte den Eindruck erwecken, dass hier die Sexualität gerade erwacht. Vanity Fair wiederum klingt fast wie Musik von Kurt Weill, die wir mit einem Schulorchester aufgenommen haben, da ich musikalischen Zerfall hervorrufen wollte. Ich wusste nicht, wie ich diesen Klang von einem professionellen Orchester bekommen konnte. Eines der nächsten Projekte war Clocking Off, eine Serie, für die ich Country- und Bluegrass-Musik geschrieben habe. Die Idee kam mir wahrscheinlich, als ich an die Songs von Johnny Cash gedacht habe, in denen es um die Sorgen und Nöte einfacher Leute geht. Die Serie dreht sich um das Leben von Fabrikarbeitern im Norden Englands, die sich jeden Morgen zur Arbeit schleppen und mit ihren Problemen zu kämpfen haben, daher fühlte sich dieses musikalische Konzept richtig an. Shameless wiederum wurde von einer Flöte inspiriert, die mir meine Eltern von einem Trip an die Westküste Amerikas mitgebracht hatten. Dieses Instrument war in der pentatonischen Skala, also mit lediglich fünf Noten, einfach zu spielen. Allerdings war es in F gestimmt, sodass ich jedes Stück für Shamelessin F-Dur geschrieben habe. Diese Naturflöte beschrieb diesen ganz besonderen Schlag Menschen in der Produktion perfekt. Damit möchte ich sagen, dass ich stets sehr viel Freiheit hatte bei all den Projekten, an denen ich in England gearbeitet habe, da die Verantwortlichen hofften, ich würde einen neuen Aspekt in das Projekt einbringen. Ich habe mich wahrscheinlich an diese Vorgehensweise, an diesen Luxus, gewöhnt und finde es mittlerweile sehr schwierig, mit neuen Menschen zusammenzuarbeiten oder ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie das Geschäft mittlerweile funktioniert. Aktuell arbeite ich an Kammermusik und Kompositionen für Tanzgruppen, um meine Freiheit auszukosten. Ich halte es für das größte Verbrechen, die eigene Freiheit nicht zu nutzen, so man sie denn hat. Wenn man aus gegebenen Umständen dazu gezwungen ist, im Laufrad zu bleiben, ist das etwas anderes. Doch ich habe keine Entschuldigung, nicht an etwas Experimentellem, Brillantem zu arbeiten, wenn ich es möchte.

Immerhin sind Sie keiner der jungen, aufstrebenden Komponisten mehr, die zu jedem minderwertigen Projekt „Ja“ sagen müssen, um ihre Miete zahlen zu können.
Ich weiß gar nicht, wie das Geschäft heute funktioniert. Ich treffe ab und zu ein paar junge Komponisten. Ich mag sie. Ich verstehe ihre Probleme. Vor einiger Zeit habe ich einen Vortrag für junge Komponisten gehalten und ihnen gesagt, dass sie Rückgrat zeigen und für sich einstehen sollen. Das ist natürlich schwer. Sehen Sie, im vergangenen Jahr hatte ich zugesagt, die Musik für eine amerikanische Fernsehserie zu schreiben. Ich bin mal nach Kalifornien gereist und jemand sagte mir, dass Walter Parks mich sprechen wollte, der früher zusammen mit Steven Spielberg Leiter von Amblin Entertainment war und Filme wie Men in Black produziert hat. Sie arbeiteten an ihrem ersten Fernsehprojekt: Crossbones, eine Serie über Piraten. Wir hatten ein sehr angenehmes Gespräch und ich mochte ihn sofort. Sie planten, die Serie in Puerto Rico zu drehen, während die gesamte Produktion in New York stattfinden sollte. Nachdem ich zugesagt hatte, die Musik für das Projekt zu schreiben, begann meine frustrierende Zusammenarbeit mit NBC. Ich saß monatelang sehr geduldig in meinem Apartment in New York und habe darauf gewartet, dass mich jemand kontaktiert, um mir zu sagen, ich könne mit der Musik endlich anfangen. Es ist nichts passiert. Die Zeit wurde jedoch immer knapper: Im Mai sollte die erste Staffel komplett fertig sein, doch im April existierte noch immer keine einzige vollständige Episode. Ich rief also irgendjemanden bei NBC an, um ihnen zu sagen, dass ich im Juni meine vierstündige Musik für die britische Dokumentationsserie Life Story aufnehmen müsste. Sie versicherten mir daraufhin, dass sie sich mit der Produktion vonCrossbones beeilen würden, woraufhin ich erwiderte, dass das völlig egal sei und ich ihnen lediglich mitteilen wollte, dass ich nicht länger mit ihnen arbeiten würde. Das wollten sie natürlich nicht hören, da sie mit der Serie bereits genug Probleme hatten. Ich hätte zu der Zeit aber zehn Episoden in fünf Wochen vertonen müssen. Nun, irgendjemand anderes hat es letzten Endes hinbekommen. Ich konnte nicht verstehen, dass alles nur darauf ausgerichtet war, die Produzenten zufrieden zu stellen. Wir sind eine Episode durchgegangen. Sie ließen mich wissen, dass man meine Musik nun den ersten Produzenten zeigen müsse. Das verstand ich und nahm an, dass wir anschließend mit der Arbeit an der zweiten Episode beginnen könnten. Ich wurde jedoch schnell korrigiert, indem man mir sagte, dass man die Musik mit den Änderungsvorschlägen der ersten Produzenten anschließend an die zweiten Produzenten schicken würde. Das konnte ich nicht verstehen. Warum schickte man die Musik nicht gleich an die zweiten Produzenten, die mehr Entscheidungsgewalt hatten? Man versicherte mir, dass man dies nicht tun könne, da man den natürlichen Vorgang verletzen würde. Ich fragte sie, ob sie nicht verstehen würden, dass man für diesen Prozess keine Zeit habe! Daraufhin hieß es, dass man so vorgehen müsse, selbst wenn mir am Ende nur zwei Wochen Zeit für die Komposition der Musik blieben. Aufgrund dieser Idiotie verließ ich das Projekt. Ich weiß nicht, was aus der Serie wurde.

Empfinden Sie diese frustrierende Vorgehensweise als typisch für US-amerikanische Produktionen?
Ich weiß es nicht. Wenig später wurde ich erneut von NBC angeheuert. Ich sagte ihnen sofort, dass ich nie wieder für sie arbeiten wolle. Sie versicherten mir, dass es sich um eine britische Produktion handele und ich keine Berührungspunkte mit NBC haben würde. Daraufhin habe ich mich mit dem Regisseur getroffen, der mich warnte, dass ich so schnell wie möglich absagen solle, wenn ich nicht mit NBC arbeiten wolle, da die Produktion ein Albtraum werden würde. Ich habe mir das ganze zwei Wochen lang angeschaut, bevor ich feststellen musste, dass sich mein Crossbones-Erlebnis wiederholen würde. Zu keinem Zeitpunkt hat sich jemand darum gekümmert, Arbeit zu leisten, mit der man zufrieden ist. Alle waren nur damit beschäftigt, das Projekt mit zahlreichen Testvorführungen so vorzubereiten, dass die Produzenten sich nicht übergangen fühlen – Produzenten in Kalifornien, die man niemals trifft, mit denen man niemals spricht, von deren Geschmack und Vorstellungen man keine Ahnung hat. Jetzt werde ich definitiv nie wieder für NBC arbeiten, bin mir aber sicher, dass all diese Fernseh-Produktionsfirmen nach dem gleichen Prinzip funktionieren. Man muss sich als Komponist darüber im Klaren sein, an welchen Projekten man gerne arbeiten würde, für welche Filme man gerne die Musik geschrieben hätte. Das ist schwierig. Es ist schwierig, einen Appetit zu bekommen. Was mich kürzlich am meisten begeistert hat, war das Musical Hamilton, das derzeit auf dem Broadway gezeigt wird. Ich halte es für das großartigste Musical seit West Side Story, da es etwas Neues, Aufregendes ist. Der Großteil der Show besteht aus Rap und Hip Hop, die benutzt werden, wie Shakespeare Pentámeter benutzt hat. Shakespeare hatte ein Ohr für die Sprache der Straße, die er in seinen Werken eingebaut hat und die die Menschen verstehen konnten. Das gleiche ist mit Jazz und West Side Storypassiert. Derartige Projekte bringen einen ins Grübeln: Ich kann vielleicht noch 20 Jahre lang arbeiten, also sollte ich langsam damit anfangen, an Projekten zu arbeiten, die mich inspirieren. Ich möchte Menschen finden, mit denen ich gerne arbeite. Wenn man komponiert, ist man meist alleine. Man ist wie ein kleines Kind, das Freude daran hat, mit den ganzen Klötzen zu spielen und etwas zu erschaffen. Manchmal passiert es, dass dann die Erwachsenen in dein Zimmer kommen und all das, was man gemacht hat, kaputt treten. Dann schmeißen sie die Zimmertür zu und lassen einen weinend zurück. Ich möchte jemanden finden, der mit mir spielt und Spaß an den gleichen Spielen hat. Vielleicht funktioniert Pixar so. Sie machen nicht nur großartige Filme, ich finde auch ihre Arbeitsweise interessant, indem sie verschiedene Gruppen unter den Angestellten bilden. Es macht mich glücklich, ihre Filme zu sehen. Seien wir aber ehrlich: Es gibt nicht viele attraktive Jobs da draußen. In dem Fall muss man sich auf sich besinnen und entscheiden, selber etwas zu kreieren.

Möchten Sie sich aus diesem Grund nun auf Konzertwerke konzentrieren?
Ja. Ich habe ein Chorstück für die 'Last Night of the Proms' im Bristol Old Vic geschrieben, das am 1. August dieses Jahres dort aufgeführt wurde. Darüber hinaus arbeite ich an einem kleinen Ballettstück über Schneewittchen, das aufgeführt wird. Vielleicht werde ich auch an einigen kleineren Filmen zu arbeiten. Mit einem großen Budget zu arbeiten bedeutet auch viele Hürden, die man nehmen muss und das ist nicht immer befriedigend. Ich weiß aber noch nicht, was ich als nächstes machen werde.

Immerhin arbeiten Sie ja auch noch an Doctor Who und die Serie ist nach wie vor sehr populär.
Das stimmt. Ich stehe morgens auf und schreibe jeden einzelnen Tag Musik. Das hält mich auch davon ab, mich mit dummen Sachen zu beschäftigen wie Politik oder Aktionismus, den Planeten retten zu wollen.

Schreiben Sie manchmal die Musik für eine Folge anhand des Drehbuchs?
Das ist etwas kompliziert, denn bei Doctor Who hängt alles vom Orchester ab. Ich nehme die Musik auf, wenn das Orchester verfügbar ist. Ich schaue mir ihren Terminplan an und entscheide dann, einen Teil im April aufzunehmen, einen im Juli und einen im September, in der Hoffnung, dass man die Arbeit gleichmäßig aufteilen kann. Dann kann es passieren, dass die Musik für die ersten acht Episoden alle vor Juli aufgenommen werden müssen – das war beispielsweise bei der aktuellen Staffel der Fall. Dann müssen wir uns im April zwar beeilen, können uns für die restlichen Folgen aber viel Zeit mit dem Orchester nehmen. Steven Moffat hat mir einmal erzählt, dass er Ideen für einen abendfüllenden Spielfilm für eine 45minütige Fernsehepisode verschenkt, wenn er ein neues Drehbuch fertig geschrieben hat. In gewisser Hinsicht trifft das auch auf die Musik zu. Manchmal fällt mir eine Melodie ein, die mir sehr gefällt. Dann fange ich an zu zweifeln und frage mich, ob ich sie wirklich wieder für eine Doctor Who-Folge verschwenden will, anstatt einfach das I Am The Doctor-Thema wiederzuverwenden.

Warum ist das für Sie wichtig?
Weil ich mir dann Sorgen mache, dass mir irgendwann keine guten Melodien mehr einfallen! Was ist, wenn ich gefragt werde, die Musik für Men in Black 5 zu schreiben, ich dann aber komplett ausgebrannt bin, weil ich alles für Doctor Who verschwendet habe? Dann aber denke ich, dass mich das auch wahrscheinlich gar nicht reizen würde und es mir nur darum geht, meinen Durst zu stillen, Musik schreiben zu können. Ich stehe morgens auf, mache Sport und bin hungrig danach, Musik zu schreiben. Ich habe viele Ängste und die Möglichkeit, Musik zu machen, lässt mich zumindest für den Moment besser fühlen. Es ist ein natürlicher Kreislauf. Ich kann nicht aufhören. Dieser Kreislauf könnte nur durchbrochen werden, wenn ich eines Tages so depressiv werde, dass mich Musik nicht mehr besser fühlen lässt, dass ich so krank werde, dass ich die Energie nicht mehr habe, sie in Musik zu verwandeln. Es ist so wichtig, nicht träge zu werden. Die Musik muss natürlich und leicht aus dir herausfließen. Mir wird oft gesagt, dass ich sehr schnell komponiere. Ich kann aber gar nicht anders. Was würde ich besser machen, wenn ich langsamer wäre? Natürlich könnte ich noch an der Orchestration feilen, aber der Instinkt wäre dann verloren. Das heißt wiederum nicht, dass man nicht lange über ein Konzept nachdenken kann. Der Instinkt aber trifft viele Entscheidungen sehr schnell. Ich habe eine Analogie dafür: Cristiano Ronaldo befand sich mit mehreren Menschen in einem Raum, die ihn baten, einen Fußball zu kicken, den sie ihm zuwarfen. Allerdings war der Raum stockfinster. Sie warfen den Ball und das Licht ging für den Bruchteil einer Sekunde an. In dieser Millisekunde musste Ronaldo berechnen, wohin er treten müsste, um den Ball zu treffen. Er hat ihn getroffen – in vollständiger Dunkelheit. Darum geht es – um den Instinkt, um blitzschnelle Entscheidungen. Woody Allen hat einmal gesagt, dass seine Filme in denkbar kurzer Zeit vor seinem Auge entstehen – er braucht dafür keine Zeit. Schwierig wird es dann nur, diese entstandene Vision zu Papier zu bringen.

Leben wir nicht aber in einer Zeit, in der die Menschen dem Instinkt immer mehr misstrauen, da alles rationalisiert und Emotionen ausgeschaltet werden, um sich nicht verletzbar zu machen? Niemand möchte ein Außenseiter sein und abgelehnt werden.
Ich liebe den Begriff des Außenseiters. Menschen sind Freaks. Alle. Jeder hat furchtbare Angst davor, als Freak erkannt zu werden. Ausnahmen wie David Bowie, die es genießen, Freaks zu sein, sind selten. Ich glaube, wir wollen alle Freaks sein, erlauben es uns aber nicht. Ich habe einmal meine Freundin gefragt, was sie sagen würde, wenn ich eines Tages Lust hätte, ein Kleid zu tragen. Sie antwortete, dass sie es bevorzuge, wenn ich das nicht täte. Wenn es mir aber Spaß macht? Ich habe das Gefühl, dass sich die junge Generation in der modernen Welt nicht mehr klassifizieren möchte. Niemand will in eine Schublade gesteckt werden. Das ist doch aber nicht neu, Leute! Lou Reed, David Bowie und Mick Jagger waren bereits in den 70er Jahren so. Natürlich sind sie ruhiger und erwachsener geworden und haben aufgehört, so viele Drogen zu nehmen. Ich finde es interessant, dass sich nun so viele junge Menschen nicht mehr mit sich selber identifizieren wollen, um sich jeglichem Schubladendenken zu verweigern. Sie haben Partner, nennen sie aber nicht Partner, um niemandem einen Stempel aufzudrücken.

Das hat viel mit Angst zu tun. Wenn man sich für etwas entscheidet, etwas klassifiziert und zu etwas steht, macht man sich angreifbar. Man wird verletzt und abgelehnt und will deshalb eine so geringe Angriffsfläche bieten wie überhaupt nur möglich. So wird alles unverbindlich.
Ablehnung und Kritik kann einen zerstören. Man muss darauf vorbereitet sein, viele Rückschläge zu erleiden. Man lernt mehr durch das Scheitern als durch das Gewinnen. Ich bin grundsätzlich nicht gegen Wettbewerbe, aber sie haben viele Schattenseiten, die viel mit der Entwicklung in der Kindheit und der Erziehung zu tun haben. Was passiert mit Menschen, die nicht gewohnt sind, zu verlieren? Schauen Sie sich Donald Trump an! Dieser ekelhafte Idiot! Er kommt auf die Bühne und behauptet, ein Gewinner zu sein. Er ist kein Gewinner, er ist ein Verlierer. Aber er hat nie etwas gelernt. Er ist stolz darauf, andere Menschen niedergemacht und das Geld seines Vaters geerbt zu haben. Und er hat keinen einzigen klugen Gedanken in seinem Kopf. Alles was er hat, sind Bodyguards, viel Geld und ein paar furchtbare Gebäude. Er ist das Paradebeispiel dafür, was in unserer Welt falsch läuft. Ich denke auch, dass die Menschen, vor denen wir am meisten Angst haben, diejenigen sind, die im Leben oft gescheitert sind und enttäuscht wurden. Das hat sie stark gemacht. Sie wurden so oft geschlagen, dass ihnen nichts mehr wehtun kann. Es ist ironisch, dass das Verlieren das eigentliche Gewinnen ist.

Ja, solange man durch das ständige Verlieren sein Herz nicht verschließt und jedes Mal wieder aufsteht und den Glauben an das Gute in den Menschen nicht verliert.
Und das ist so wahnsinnig schwierig.

Aber letzten Endes ist es einträglicher und lohnender, als jegliche Sensibilität zu verleugnen und zu Stein zu werden.
Das ist absolut richtig, ich stimme vollkommen zu.

Ist das nicht das Schöne, Künstler zu sein? Man ist sensibel, leidet stärker, erlebt aber auch die schönen Momente viel intensiver als andere Menschen?
Ich würde das gerne glauben und vielleicht stimmt es sogar. Ich wünschte, es gebe mehr Befriedigungen als Tragödien. Ich habe oft Angst davor, wie ich mich fühle. Ich möchte aber auch nicht dramatisch klingen. Ich weiß, dass ich in ein paar Tagen morgens die Zeitung aufschlagen und Kritiken über mein Proms-Konzert Life Story mit David Attenborough lesen werde. Einige von den Kritikern sind sehr strenge Klassik-Liebhaber, die schreiben werden, dass meine Musik ein Haufen Scheiße ist und die einzige Leistung gewesen sei, David Attenborough auf die Bühne zu bekommen – sie werden schreiben, dass nur das der Grund für die sechseinhalb tausend Zuschauer gewesen sei. Das ist hart. Es ist schwer, das zu verarbeiten. Mein Vater sagte immer zu mir, ich solle sie gar nicht beachten – was wüssten die schon, was haben die zu sagen? Aber nein, ich muss mich damit auseinandersetzen und es verdauen. Sie haben einen Grund dafür, das zu schreiben. Wenn ich mich nicht darum schere und die Meinungen anderer Menschen als unwichtig bezeichne, so weiche ich dem aus. Das ist falsch. Ich muss mich damit beschäftigen. Es wird mich stärker machen. Man muss nur sicherstellen, dass einen diese Kritiken nicht so sehr mitnehmen, dass man aufhört, Musik zu schreiben.

Warum wollen Sie auch alle Menschen zufriedenstellen?
Weil es sich so gut anfühlt! Es ist so beruhigend! Ich hätte gerne, dass mir alle Menschen im Publikum eine stehende Ovation geben, wenn ich auf der Bühne bin. Man muss Risiken eingehen und irgendwann an den Punkt kommen, an dem sich nicht alles ums Geld dreht. Sehen Sie, heutzutage besuchen junge Menschen all diese Kurse in Medien-Komposition und kaufen sich teure Software – ich will das gar nicht schlechtreden. Aber wenn man diese Menschen dann fragt, welchen Musiker sie geil finden und sie nennen einen Filmkomponisten, irritiert mich das zunächst. Ich würde wahrscheinlich auf diese Frage mit Stevie Wonder antworten, nicht unbedingt, weil seine Musik so komplex ist, sondern weil er es versteht, die Menschen zu berühren und glücklich zu machen. Er kennt das Rezept dafür. Ich weiß nicht, wie er so geworden ist, aber er besitzt etwas, dem man nah sein möchte – so wie die Gedichte von Walt Whitman. Sie machen dich glücklich. Wonder weiß es zu schätzen, am Leben zu sein. Man möchte ihm nah sein, um dieses Gefühl auch zu erleben. Das gleiche gilt auch für viel Musik aus den 60er Jahren, Motown oder Soul, bei der es gleichzeitig um das Ausdrücken von Freude geht, aber auch um den schwierigen, schmerzhaften Hintergrund, der diese Musik hervorgebracht hat. Diese Schnittstelle sorgt für Spannung.

Dann muss es für Sie doch sehr berührend sein, mit Doctor Who Symphonic Spectacular Ihre Musik in die großen Säle zu bringen und unendlich viele Fans der Serie mit Ihrer Musik glücklich zu machen! Wie kam es zu dieser Idee?
Die Idee ist schon älter. Teile der Hintergrundmusik für Doctor Who wurden 2006 zum ersten Mal live aufgeführt. Es war damals noch eine ganz andere Show, die sich aber entwickelt hat, indem wir Teile ausgetauscht und erweitert haben. Für mich sind diese Shows eine seltsame Erfahrung. In gewisser Weise distanziere ich mich davon, was in diesen Konzerthallen geschieht. Ich höre mir die Musik gerne an. Für mich hat sie etwas beruhigendes. Ich muss gestehen, dass ich neulich im Flugzeug das neue Album von Kanye West gehört und es sehr genossen habe. Ich darf Kanye West mögen. Er ist anders als Stevie Wonder. Danach wollte ich mich entspannen und habe meine Musik für Doctor Who gehört. Ich finde es selber merkwürdig, dass ich meine eigene Musik höre, aber sie beruhigt mich. Ich denke, ich genieße es auch, weil es mir die Möglichkeit zur Reflexion gibt. Es hat viel mit Nostalgie zu tun – wo war ich, als ich dieses Stück Musik geschrieben habe, an welchem Punkt in meinem Leben war ich, was hat mich zu jener Zeit beeinflusst? Manchmal vergesse ich auch, dass ich ein bestimmtes Stück geschrieben habe, weil ich es nie gehört habe – außer an dem Tag, als es aufgenommen wurde.

Sind Sie immer bei den Musikaufnahmen anwesend?
Ja, immer. Wir nehmen die Musik immer in Cardiff in Wales auf. Wir haben erst im Oktober wieder Musik dort aufgenommen. Es ist immer ein großes Vergnügen.

Vielen Dank für das Gespräch!