EINZELSTÜCK:
MYCHAEL DANNA’S BIKE KISS

Artikel für Cinema Musica 2/2012 von Stephan Eicke

“It seems to me that everyone exists partially on a negative zone level, some people more than others. In your life, it’s kind of like you dip in and out of it, a place where things don’t quite work out the way they should. But for some people, the negative zone tempts them. And they end up going in, going in all the way.”

Ang Lees Der Eissturm ist ein sardonischer Anti-Liebesfilm über die amerikanische Gesellschaft der 70er Jahre, die ihre Freiheit sucht und sie in Wollust zu finden glaubt. In Begierde, in Verlangen, in der Lust des Fleisches, von der sie sich die Erlösung erhofft , aber nicht in der Liebe, die sie versucht in Seitensprüngen, sexuellen Fantasien, Nötigungen, die ihren Schauplatz in kalten Betonklötzen als trotzige Mahnmale der modernen Architektur haben, auszudrücken. All das sind schmerzhafte Selbstdemütigungen, deren Wurzel in der Annahme steckt, Liebe sei erzwingbar.

Stellvertretend für die aufgeklärte amerikanische Gesellschaft jener Dekade sind zwei Kleinstadtfamilien, die innerhalb der wenigen Tage der Thanksgiving-Zeit ihre Unschuld verlieren: die Hoods und die Carvers, zwei dysfunktionale Gruppen von Eltern und Kindern, die, in gestörten Verhältnissen lebend, beginnen, ihre Grenzen auszuloten. Während Kevin Kline als Oberhaupt der Hoods mit Sigourney Weaver als gelangweilter Hausfrau Mrs. Carver fremdgeht, sieht sich deren Sohn, gespielt von Elijah Wood, in einer Quasi-Beziehung zum jüngsten Spross der Hoods wieder: Wendy (Christina Ricci) verführt als frühreifer Teenager wiederum den naiven Bruder ihres Freundes in diesem Karussell, das einst als Komödie konzipiert war, letztlich aber mit derart viel lakonischer Tragik und bitterem Sarkasmus aufwartet, dass lediglich noch Kevin Kline als unbeholfene Vaterfigur an das ursprüngliche Konzept zu erinnern vermag.

Diese Studie des Verfalls zeigt Komponist Mychael Danna auf dem Höhepunkt seiner kreativen Schaffenskraft : Ein faszinierendes Klanggebilde aus exotischen Klängen, mit denen der Kanadier mit Vorliebe experimentiert, begleitet die Charaktere des ausgefeilten Drehbuchs, das eine jede Figur gleich wichtig erscheinen lässt und jeder Person gleich viel Raum zur Entfaltung gewährt. Mag Der Eissturm eine Moralstudie über die 70er Jahre sein, so wurde er vor allem von den kreativen Kräft en in der Produktion doch primär als Film über die Natur begriffen, als Film über Menschen, die gegen alte Regeln rebellieren, um sich zu befreien und die auf der Suche nach ihren Grenzen auf ihre wahre, die menschliche Natur stoßen. Die Erkenntnis ist, dass niemand von ihnen so frei ist, wie er am Anfang seines Kampfes gedacht hat. „Es ist ein Film über die Natur“, sagte Mychael Danna einmal, „und über den Platz des Menschen in der Natur, die Arbeit innerhalb dieser Welt und die Konsequenzen, sich außerhalb von ihr bewegen zu wollen.“

Wer den Film gesehen hat, wird sich vielleicht an Wendys Tischrede erinnern, in der sie, vor dem üppigen Truthahn die Hände faltend, dem lieben Gott für das reichliche Mahl dankt, für „den materiellen Reichtum und dafür, dass er uns Weißen die India- ner hat abschlachten lassen.“ Diese ätzende Bemerkung, die den Grundstein für die ganze Stimmung des Films legt, gab Danna Aufschluss über das musikalische Konzept, dem er das Leitmotiv, das Nature Theme zugrunde legen sollte: „Mir gefiel die Ironie, Musik zu benutzen, die an die einheimischen Klänge der Ureinwohner angelehnt sein sollte, um uns daran zu erinnern, dass diese Charaktere im Film durch die gleichen Wälder wandern, mit der gleichen Erde unter ihren Füßen, wie die Ureinwohner lange vor ihnen. Ang (Lee) und ich wollten die Menschen an die Kraft der Natur erinnern; die Natur war lange vor allem anderen da und sie wird es auch noch sein, nachdem wir längst alle nicht mehr existieren.“

Das Nature Theme ist das wohl wichtigste musikalische Thema dieses Films. Als Leitmotiv erklingt es in drei Schlüsselmomenten. Die zaghafte, hauchfeine Einführung in Bike Kiss, die bereits erklingt, als die niemals lächelnde Wendy auf ihrem Fahrrad durch die kalte, graue Herbstlandschaft fährt, ist hierbei der archaische Klagegesang der Einsamkeit als zärtliche Sehnsucht nach Geborgenheit und dem Wunsch nach dem Ausleben der letzten Träume, die in dieser aufgeklärten Gesellschaft noch geblieben sind. Die an die Musik der Ureinwohner angelehnten Klänge erzeugte der Komponist mit einer antiken Flöte, die bereits längst vergange-ne Generationen der amerikanischen Kultur benutzt haben sollen.

Dieses zärtliche und doch so karge Motiv, das von dem antiken Holzblasinstrument originalgetreu in der Pentatonik (der 5-Ton-Skala, für die das Instrument ursprünglich ausschließlich verwendet wurde) vorgetragen wird, ist hierbei das Ergebnis zahlreicher Improvisationen des darbietenden Instrumentalisten Dan Cecil Hill, der nur einzelne Vorgaben Mychael Dannas zur Erzeugung der gewünschten Stimmung zu beachten hatte.

Das Motiv, aus einem kurzen Fragment bestehend, das in mehreren Variationen wiederholt wird, unterbricht Danna nach jeder Sequenz mit einer ausführlichen Pause, eingeführt von einem elektronisch erzeugten Nachhall, weil die Stille sowohl im Film, als auch in der Musik wichtiger ist als alle Töne. Die vorwurfsvollen Blicke, die man austauscht, die kahlen Bäume, die sich langsam im Wind wiegen und auch die sich langsam annähernden Teenager Wendy und Mikey werden unterstrichen von betretener und unangenehmer Stille; karg, kalt und zurückhaltend.

Von ihrem Fahrrad abgestiegen, steht Wendy schließlich schüchtern Mikey gegenüber, in dem leeren, blau gestrichenen, aus Beton gegossenen Swimming-Pool, inmitten eines Meeres aus Blättern der fast kahlen Bäume. Sie bieten sich gegenseitig Süßigkeiten an, streichen unsicher nebeneinander her. Nur zögerlich fassen sie sich an den Oberarmen, können kaum die Blicke aufrecht halten, ehe sich ihre Lippen zu einem langen Kuss berühren, während die Kamera nach oben fährt, aus dem Swimming-Pool heraus, unendlich weit weg in die Lüfte, während unten noch immer das Liebespaar steht, abgekapselt von der Außenwelt, losgelöst von ihrer Umwelt, verschmolzen zu einem Ganzen in einem endlosen Kuss, geschützt von den vier Wänden, die an ihren Seiten stehen, bedroht von dem bewölkten Himmel der über ihnen hängt, umspielt von den gefallenen Blättern des Herbstes, die um ihre Füße spielen, getrieben von dem kalten Wind, der ihre dicken Jacken durchdringt wie stechende Eiszapfen.

In diesem Moment setzt erneut die zerbrechliche Musik ein, begonnen von der Bonang, einem indonesischen Schlaginstrument, bestehend aus diversen kleinen Gongs, die in fortwährendem Rhythmus mit treibenden Achteln unter den breiten Haltenoten des dünn besetzten Streichorchesters die akzentuiert eingesetzten Melodiefetzen der Holzflöte begleiten. Während sich die Hauptstimme in ihren ausführlichen Pausen – wie auch die sich entfernende Kamera – von dem sich zärtlich umarmenden Liebespaar emotional distanziert, wird die Szenerie durch die ununterbrochenen Klänge der Bonang zum Schauplatz der Ruhelosigkeit, die Charaktere des Films auf ihrer ewigen Suche nach der Erfüllung ihrer erotischen Träume begleitend.

Mychael Danna hat in seiner sorgsam durchdachten, sparsam orchestrierten und originell besetzten Filmmusik – vor allem in Bike Kiss – das Schicksal der Figuren im Film vorherbestimmt. Dass Wendy und Mikey keine glückliche Zukunft beschieden sein wird, ist in den distanzierten Klängen bereits beim ersten Kuss erkennbar, lange bevor sich eine enthüllte Wendy in ihrer zarten Alabasterhaut mit Mikeys Bruder in das elterliche Bett legt, während Mikey selber zum unvermeidlichen Opferlamm wird.

Der Eissturm ist eine faszinierende Symbiose zwischen Film und Musik geworden. Bike Kiss ist Lees und Dannas Meisterstück, eine gleichzeitig berührende und erstaunlich nüchterne Untermalung dieser Szene, die ihre Ambivalenz vor allem im selbstironisch kitschigen Kamerazoom ausdrückt; eine schnelle Flucht aus der Szenerie, um nicht in die verbotene Zone hineingezogen zu werden, in die die Charaktere steuern.